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Der junge Hund (beispielhaft erzählt anhand meiner Border-Mix-Hündin Sheela - siehe auch "Patchworkteam")
 

 
 

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit dem Folgetrieb des jungen Hundes, dem Lernverhalten, Sozialisierung und Konditionierung (und wird immer mal wieder ergänzt!)

Einleitende in dieses Kapitel möchte ich eine kleine Begebenheit erzählen. In der Hundeschule, in der Sheela und ich unsere Grundausbildung genossen haben, trainiere ich mittlerweile die Agilitygruppen und leite vertretungsweise auch mal die Welpengruppen. In einer solchen war einmal ein junges Mädchen, ich schätze sie auf 15 / 16 Jahre mit einem fünf Monate altem Mixling aus Spanien (oder so). Auf meine Aufforderung hin sollten die frisch gebackenen Hundeführer die Aufmerksamkeit ihrer Hunde erregen und sie zum Herankommen animieren. Das Mädel rief einfach nur relativ einsilbig den Namen und den jungen Kerl interessierte dies überhaupt nicht. Ich habe dann ein bisschen „gejohlt“ und den Hund freudig angesprochen und siehe da, sofort sprang der Lütte auf mich zu und ließ sich belohnen. Auf meine Frage, ob sie denn auf den Spaziergängen ein wenig üben würde, erklärte sie mir, dass sie hierfür keine Zeit habe und den Hund eh nicht von der Leine lassen könne (klar!). Aber … wenn nicht jetzt, wann dann?

Welpen und junge Hunde besitzen einen ganz natürlichen Folgetrieb, den wir uns von Anfang an in der Ausbildung unseres Hundes zu Nutzen machen sollten. Wird der Welpe von seiner Mutter und seinen Geschwistern getrennt und kommt zu seinem Menschen, wird er sich an diesem orientieren und ihm auch folgen. Was soll das kleine Kerlchen sonst auch machen, er kennt ja noch nichts und weiß auch noch nix von dieser unseren Welt. Nun gilt es diesen Trieb, zu uns zu kommen, möglichst positiv zu verstärken, zum Beispiel durch die Gabe von Leckerlis (Leckerlis stehen hier als Synonym für Belohnung. Je nach Hundetyp kann dies auch eine Spielzeug oder ein dicker Knuddler sein, wobei dies nicht alle Hunde als Belohnung verstehen…). Es ist auch gerade in dieser frühen Phase sehr einfach, durch Kleinigkeiten wie Wegdrehen, die eigene Position oder Körperhaltung ändern, freudige Ansprache oder Ähnliches die Aufmerksamkeit des Hundes auf sich zu ziehen, sich für ihn interessant zu machen und ihn so zum Herankommen zu motivieren. Und sehr schnell kann man, wenn man sicher ist, jetzt kommt mein Hund, das Hier – Kommando einführen.

Wichtig für die erfolgreiche Grundausbildung des Hundes ist das Verständnis darüber, wie Hunde eigentlich lernen. Hunde lernen assoziativ, das heißt, sie verbinden das, was sie tun, mit dem, was wir ihnen sagen, deuten, anzeigen. Nicht umgekehrt. Das bedeutet, der Hundeführer beginnt ein Kommando in dem Moment einzuführen, in dem der Hund das gewünschte Verhalten zeigt, direkt gekoppelt mit der Gabe von einem Leckerli. Möchte ich, dass mein Hund sitzt, warte ich, bis er das gewünschte Verhalten anzeigt und sage „sitz“. Natürlich kann hierbei durch das Halten eines Leckerlis über dem Hundeköpfchen ein wenig nachgeholfen werden.

Das assoziative Lernverhalten führt umgekehrt bei falscher Anwendung der Kommandos durch den Hundeführer zu Problemen. Sage ich zu meinem Hund immer wieder „Fuß“, weil ich möchte, dass er gesittet neben mir geht während er allerdings kräftig an der Leine zieht, wird er früher oder später das „Fuß“ mit dem Leineziehen verbinden. Ich übe am Anfang das „bei Fuß gehen“ durch positive Bestätigung (Lob & Leckerchen)  des Momentes, in dem der Hund freudig und ohne an der Leine zu ziehen mich anguckt.  Erst wenn das gut funktioniert, führe ich das entsprechende Kommando ein.

Den Folgetrieb des jungen Hundes nutzen wir nun nicht nur für das Herankommen, sondern auch für die grundsätzliche Orientierung des Hundes an seinen Menschen. Spaziergänge sind dann entspannend, wenn nicht ich ständig nach dem Hund gucken muss, sondern er nach uns. Häufige Richtungswechsel, kleine Versteckspielchen, kurzes Hinhocken, Änderung der Bewegungsgeschwindigkeit, das alles sind geeignete Mittel, den Hund während eines Spazierganges stets auf uns aufmerksam zu machen (aber bitte nur in gefahrlosen Umgebungen üben). Hierbei lernt der junge Hund auf uns zu achten und uns zu folgen.

Kommt unser Hündchen dann in die Pubertät, wird er selbstsicherer und mutiger und erwacht sein Jagdinstinkt, nimmt der natürliche Folgetrieb ab. Ist die Bindung des Hundes an seinen Menschen bis dahin nicht gelungen und kommt der Hund nicht zuverlässig heran, sind entspannte Spaziergänge eher un- und sein weiteres Leben als Leinenhund wahrscheinlich. Schade, dabei wäre es so einfach gewesen…

Natürlich ist die Zeit, in der der Jagdinstinkt erwacht, auch mit einem gut erzogenen und "folgsamen"  Hund aufregend und eine Herausforderung für jeden Hundeführer. Aber die Chancen, den natürlichen Jagdtrieb des Hundes kontrollieren zu können, sind deutlich besser als bei einem Hund,  dem diese Grundsätze fehlen. Geeignete Mittel um die Aufmerksamkeit des jungen Hundes beim Aufkeimen anderer Interessen dennoch zu behalten, sind, die Spaziergänge für den Hund spannend zu gestalten, den Hund seiner Veranlagung entsprechend ein wenig zu arbeiten (z.B. Apportieren, Fährtensuche, Laufspiele, Unterordnung etc.) und natürliche Triebe kontrolliert zu befriedigen.

Anmerkung: angeregt durch einen Artikel in einem Hundemagazin möchte ich an dieser Stelle etwas klarstellen. Sich selbst für den Hund interessant machen sowie Lob und positive Verstärkung (z.B. Leckerchen, Spielzeug) sind meiner Meinung nach legitime Hilfsmittel (!) bei der Erziehung und Ausbildung von Hunden, ersetzen aber nicht eine solide Sozialisierung des Hundes. Während dieser so wichtigen ersten Monate im Leben eines Hundes lernt dieser seine Rolle im Sozialverbund kennen, lernt Vertrauen in seine Menschen und das Umfeld aufzubauen, den Umgang mit Unbekanntem (Souveränität). Er  muss aber auch konsequent die Grenzen seines Tuns und Handelns erfahren. Ohne korrektes Verständnis des Hundes für richtiges oder falsches Handeln (siehe auch „Der schwierige Hund“), seine „Pflichten“ und seine Rolle im "Rudel", wird die ausschließliche Verwendung von Leckerlis - quasi als „Bestechung“ eingesetzt - im Zweifelsfall versagen, und zwar immer dann, wenn ein anderer Reiz stärker ist…. Idealerweise „orientiert“ sich also der Hund an „seinem“ Menschen.

Von einem Hund, der das „Hier“ – Kommando verstanden hat, kann ich  stets eine sofortige und sichere Ausführung erwarten - auch wenn mal keine Leckerlis zur Hand sind! Dies gilt für alle "überlebenswichtigen" Kommandos, also auch für das Stoppen aus freier Bewegung und für das "Warten" an einer angesagten Stelle.

Übrigens ist die Gabe von Leckerchen ja auch ein bisschen wie Beute teilen…

(siehe auch ..\..\Teambildung\Bindung und so.htm)

Nun braucht’s natürlich noch ein bisschen mehr, um unseren Hund alltagstauglich zu machen. Junge Hunde, insbesondere, wenn sie noch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben, sind sehr neugierig, auffassungsfreudig und lernwillig. Diese Tatsache sollten wir nutzen, und unserem Hündchen die Welt zeigen. Dies dient nicht nur dazu, den Hund an alle denkbaren Alltagssituationen heranzuführen, sondern eignet sich auch bestens, Bindung zu und Vertrauen in uns herzustellen. Allerdings sollte man hierbei behutsam vorgehen und die Anforderungen nur schrittweise steigern. Auch sollte man darauf achten, dass jede „Trainingseinheit“ positiv beendet wird (das gilt übrigens auch für den Hundeplatz!). Ich habe mit Sheela innerhalb der ersten vier Monate nahezu alles gemacht, von dem ich glaubte, dies früher oder später mal machen zu müssen (sogar Bus fahren, obwohl ich ja eigentlich ein Auto besitze).

Das erste Mal mit zum Essen habe ich sie in eine kleine Pizzeria mitgenommen. Ich hatte dem Wirt vorher Bescheid gesagt und um einen ruhigen Eckplatz gebeten. So war’s dann auch, und meine kleine Maus war ganz artig und ruhig, zu ruhig, fand ich, bis ich entdeckte, dass Sheela unterm Tisch sitzend genüsslich ihre Leine zerkaut hatte. Ansonsten halte ich geräumige Baumärkte, Bahnen, Busse, Bahnhöfe, nicht zu belebte Innenstädte, Minigolfanlagen, Badeplätze, Rollschuhbahnen (von außen!) für hervorragend geeignete „Ausbildungsstätten“, um unseren jungen Hund auf das Leben im Kreise seines und vieler anderer Menschen vorzubereiten. Und natürlich ist der Besuch einer guten Hundeschule überaus wichtig, nicht nur, um dem frisch gebackenen Hundeführer bei der Ausbildung seines Hundes zu unterstützen, sondern insbesondere auch, um den Hund an andere Hunde heranzuführen. Auch der junge Hund muss erst einmal lernen, wie Hunde miteinander umgehen und Körpersprache und Lautäußerungen seiner Artgenossen richtig deuten lernen.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, wie wichtig aber auch Ruhephasen für den Hund sind. Gerade im ganz jungen Alter stürzen viele unbekannte Reize auf unsere Hunde ein. Dazu kommt, dass manche Hunde ihren "Ausknopf" nicht finden oder wir Menschen die Anzeichen für sein Bedürfnis nach Ruhe nicht verstehen. Aber Hunde wie Menschen brauchen Zeit zum Verschnaufen um das Erlebte, Erfahrene und Gelernte auch abspeichern zu können. Gerade junge Hunde werden häufig haltlos überfordert, indem man, meistens sogar gut gemeint, den Hunden ein Dauerprogramm bietet. Leider erreichen wir damit häufig genau das Gegenteil, der Hund kann vor Reizüberflutung kaum noch etwas aufnehmen und schaltet innerlich einfach ab. Keine guten Voraussetzungen für freudiges und haften bleibendes Lernen...

Sehr wichtig im frühen Leben unserer Hunde ist das Lernen von „richtig“ und „falsch“ und damit verbunden auch die Position des Hundes innerhalb seines „Rudels“ und in der Gesellschaft allgemein. Dazu muss „Mensch“ wissen, dass der Hund nicht versteht, „heute war ein anstrengender Tag, darum darfst du, Hund, heute auf die Couch“. Hunde brauchen klare Regeln, was sie dürfen und was nicht. Dabei geht es nicht um die Frage, darf der Hund auf die Couch oder nicht, sondern darf er es immer oder nie. Für Hunde sind klare Regeln selbstverständlich, werden sie doch innerhalb eines Hunderudels auch eindeutig gemaßregelt. Nichtsdestotrotz versuchen sie natürlich auch immer mal wieder an den Grundsätzen und der Rangordnung zu rütteln. Hier heißt es dann ruhig, aber konsequent, die einmal getroffene Entscheidung durchzusetzen.  Ich wollte grundsätzlich keine Couchhunde, und Sheela hat das auch jahrelang akzeptiert, bis sie ein paar Mal bei meiner Freundin während meiner Abwesenheit auf die dortige Couch durfte. Diesen Umstand hat sie solange nicht auf unsere Couch übertragen, bis ich es einmal bei meiner Freundin erlebt und auch zugelassen hatte. Von diesem Moment an waren alle Couchen dieser Welt ihre, und – natürlich - enterte sie sodann auch mein Bett. Allerdings habe ich hier sofort und vehement widersprochen und so gilt seitdem für beide Hunde: Couch ja, Bett nein! Und, ich schwöre, das funktioniert auch in meiner Abwesenheit!

Bei dieser Gelegenheit möchte ich einmal erwähnen, dass guter Grundgehorsam im Interesse und zum Schutz Aller ist, allerdings gehört auch absolute Konsequenz (nicht zu verwechseln mit Strenge) zur Ausbildung (und selbstredend ausreichend Motivation von Hund und Hundeführer!). Das bedeutet auch, dass der Hund eine Übung oder ein Kommando nicht selbstständig abbrechen darf und für uns den Grundsatz, jedes Kommando entweder durch ein anderes oder durch eine eindeutige Aufhebung aufzulösen.

Da ich Sheela mit 7 ½ Wochen bekam, waren Sozialisierung und Konditionierung völlig problemlos. Gepaart mit ihrem Willen zu Gefallen und alles gut zu machen, lässt sie sich in der Regel (einmalige Ausnahme bestätigt diese!) von Wild „abpfeifen“ und jagt nur kontrolliert Vögel – das allerdings mit Leidenschaft!

Viel schwieriger gestaltete sich das mit Kenzie. Die mit ihr gemachten Erfahrungen sind im Kapitel „Der „schwierige“ Hund“ näher beschrieben.

Anmerkung: Eine detaillierte Betrachtung zur Rolle des Hundes und seines Menschen im gemeinsamen „Rudel“ und die daraus resultierenden Auswirkungen auf das alltägliche Zusammenleben ist in Vorbereitung und wird demnächst diese Seite ergänzen.

 

 
 

 
   

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Update April 12