2. Brief an Kenzie vom 20.11.2010

Kenzie, geliebtes Kenzkind,

nun sind schon zwei Jahren vergangen, seit Du bei uns eingezogen bist … und ich muss Teile Deiner Geschichte neu schreiben…

Nicht die, wie Du zu uns kamst, oder die über Deine anfänglichen psychischen und physischen Probleme. Auch nicht die über unsere Schwierigkeiten miteinander, unseren Umgang hiermit und die daraus resultierenden ersten Erfolge, sondern die Teile Deiner Geschichte, die vor dem 21.11.2008 stattgefunden haben.

Trotz vieler Tränen bei der Aufbereitung dieser Zeit, die nicht nur für Dich, sondern für viele andere Hunde gravierende Folgen hatte, bin ich sehr froh, etwas Licht in das Dunkle Deiner Vergangenheit gebracht zu haben. Hätte ich das alles damals gewusst, ich hätte viele Deiner/unserer Probleme anders eingeschätzt und wäre entsprechend anders damit umgegangen. Habe ich aber nicht…

So weiß ich jetzt, dass Du tatsächlich ein Border Collie – Mix bist, Deine Mutter an Puten arbeitet und Dein Vater ein Hütehund (-Mix?) ist (ich bleibe dabei, in Dir steckt entweder viel Aussie oder vielleicht auch Gelbbacke). Ich kenne Dein genaues Geburtsdatum (welches nur drei Tage vom geschätzten abweicht) und weiß, dass Du mit etwa acht Wochen in Dein erstes Zuhause umgezogen bist. Leider hatten sich Deine neuen Menschen noch nicht so intensiv mit dem Thema „Hund“ auseinander gesetzt, und eigentlich wollten sie nur einen Hund, der ihren Arbeitsalltag begleitet. Dass man einen Hund auf seinen Alltag aber vorbereiten und für seine angedachten Arbeiten auch ausbilden muss, haben sie offensichtlich nicht bedacht. Jedenfalls wurde Dir nach den ersten zwei Monaten ohne „Anleitung“ sichtbar langweilig, Du warst schließlich ein junges, lern- und arbeitswilliges sowie selbstbewusstes Hündchen. Also fingst Du Anfang Deines fünften Lebensmonats damit an, Deine Umgebung selbstständig zu erkunden, und liebe Leute in der Nachbarschaft haben Dich immer wieder eingesammelt und nach Hause gebracht. Leider wurdest Du dann dafür körperlich bestraft, weil Deine Menschen sich weder in Deine Situation hineindenken konnten, noch wussten, wie sie damit umgehen sollten. Die Nachbarn haben sich dann dafür eingesetzt, Dich doch vielleicht besser bei jemandem unterzubringen, der mit den Bedürfnissen eines (jungen) Hütehundes auch umgehen kann und brachten Dich – im Glauben, das Allerbeste für Dich zu tun – zu einer, seinerzeit äußerst angesehenen Border Collie - Nothilfe nach Brokeloh…

Habe ich immer gedacht, Deine ersten fünf Lebensmonate haben Dich zu dem gemacht, was ich am 21.11.2008 übernommen habe, weiß ich heute, dass die eigentliche Hölle Deine sechs Tage Brokeloh waren…sechs Tage, die Deine Welt veränderten und Deine Jugend schlagartig beendeten…

Es ist davon auszugehen, dass Du in diesen sechs Tagen nicht einmal draußen warst, weil nur die Hunde mit raus genommen wurden, die einigermaßen verträglich waren und nicht jagten oder wegliefen. Du aber bist schon an dem Tag Deiner Ankunft dort über den Weidezaun gesprungen und wolltest weg. Du hattest kein eigenes Plätzchen, sondern wurdest mit mehreren Hunden in einem Raum gehalten. Vermutlich hat auch keiner darauf geachtet dass Du an Dein Futter oder an Wasser kommst, und niemand hat Dich  mal geknuddelt. Mein Gott, Du warst so dünn, so schmutzig, so ängstlich und unterwürfig, Dein Umgang mit anderen Hunden war (und ist teilweise immer noch) so problematisch… (vielleicht erinnert sich noch jemand an den "Zarenhof").

Mittlerweile kann ich so ziemlich alle Deine „Problemchen“ gut einordnen. Neulich ist mir mein Telefon aus den Händen geglitten und ich habe versucht es aufzufangen, eine etwas unglückliche Bewegung und der Aufprall vom Telefon, sofort hast Du Dich unterworfen. Hundebegegnungen, insbesondere große Hunde und Hundegruppen veranlassen Dich immer noch mal zum flüchten, allerdings orientierst Du Dich dabei inzwischen an mir. Ich bin auch ziemlich sicher, dass Dein anfänglicher lang anhaltender Durchfall stressbedingt war.

Mittlerweile bist Du im Alltag ein ganz „normaler“ Hund mit einer gehörigen Portion Lebensfreude und nur noch gelegentlichen Unsicherheiten. Du „arbeitest“ unglaublich gerne und freudig mit mir, bist „wohlerzogen“, apportierst liebend gerne Bällchen, im Agility bist Du eine kleine „Kanone“ und Du hast mächtig Spaß beim kreativen Clickern.

Für mich aber bist Du viel, viel mehr… habe ich vor Dir schon geglaubt, mich gut „mit Hunden auszukennen“, hast Du mir zumindest zeitweise meine Grenzen gezeigt. Ich habe sehr viel durch Dich gelernt, auch mich mal runterfahren zu müssen, um Deine Hyperaktivität zu kompensieren. Du hast Dich ganz tief in mein Herz geschmust und Du zeigst mir jeden Tag, wie toll das Leben doch ist. Du hast Deinen Weg, auch den zu mir, gefunden - und ich den zu Dir…

Bea